Prof. Dr. Ingrid Krau, Rede anläßlich ihrer Verabschiedung nach 15 Jahren Institutsleitung und anläßlich
der 50-Jahrfeier des Bestehens des ISW am 07.06.2010 in München 

Prof. Dr. Alain Thierstein
übernimmt die Leitung des ISW am 01.06.2010 

Buchpublikation zum 50-jährigen Bestehen des Instituts für Städtebau und Wohnungswesen München
STÄDTEBAU ALS PROZESS - KONTINUITÄT DURCH TRANSFORMATION 
50 Jahre  Institut für Städtebau und Wohnungswesen  1960 - 2010

Wandel und Kontinuität im Spiegel der im Institut für Städtebau und Wohnungswesen gehaltenen Vorträge
von Prof. Dr. Ingrid Krau, Direktorin des Instituts bis Mai 2010. Das Buch ist im Jovis-Verlag Berlin erschienen und kann zum Preis von  28,-- Euro über das ISW (zuzüglich Versandkosten) oder über den Buchhandel bezogen werden.

Geleitwort von Prof. Christiane Thalgott zum Buch:
50 Jahre Institut für Städtebau und Wohnungswesen

Die grundsätzlichen Wandlungen im Städtebau und in der Stadtentwicklung der letzten 50 Jahre spiegeln sich in den Vorträgen des Instituts mit großer Deutlichkeit und lassen weit mehr sichtbar werden als nur die Veränderungen der Aufgaben und Lösungswege.

Frau Prof. Krau ist es gelungen, aus der Mannigfaltigkeit der im Institut vor-getragenen Themen die grundlegenden fachlichen und gesellschaftspolitischen Fragen herauszuarbeiten und dabei Zusammenwirken und Relevanz der Akteure für den Städtebau zu zeigen.

Die ausgewählten Vorträge über Leitbilder, Ziele, Strategien und Instrumente zeigen deutlich die Schwierigkeiten, gesellschaftliche  Veränderungen in der fachlichen Praxis angemessen und kreativ in den Planungsprozessen zu berücksichtigen, das noch aus der Vergangenheit überkommene hoheitliche Selbstverständnis der Fachleute zu überwinden und die notwendigen Veränderungen in den Köpfen zu bewirken.

Durch die Gliederung in zwei Zeitblöcke 1960–1990 und 1990–2010, die auch durch die verantwortlichen Direktoren, Professor Dr. Gerd Albers und Professorin Dr. Ingrid Krau, geprägt sind, wird die Zäsur in den ökonomischen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen deutlich. Doch werden zugleich die Kontinuität vieler Themen über 50 Jahre hinweg und der zeitgebundene Umgang mit Strategien und Instrumenten sichtbar. Es ist eine große Bereicherung, die grundsätzlichen Fragen zu Stadtentwicklungsplanung und städtebaulicher Gestalt so konzentriert dargestellt zu bekommen – Belehrungen, Selbstverständnis und Selbstherrlichkeit der Zunft werden nicht ausgespart.

Von Anfang an hat Prof. Albers Städtebau und Stadtentwicklung als gesell-schaftspolitisch bestimmte Aufgaben definiert und betont, dass über die Ergebnisse politisch zu entscheiden sei. Die verführerische „Binnenkommunikation“ der Fachleute sei verfehlt und unzulässig. Er hat dafür Sorge getragen, dass die Schranken der Gesetzgebung als Aufforderung zu Aufmerksamkeit und Beachtung der Bürgerrechte gesehen wurden. Die von Prof. Krau über beide Zeitblöcke hinweg vielschichtig aufgezeigte Entwicklung vom engen Verständnis städtebaulicher Ordnung zum umfassenderen von Nachhaltigkeit ist eine bemerkenswerte Weiterung der Sicht.

Die Auseinandersetzung mit der Sehnsucht nach rationalen Entschei-dungsgrundlagen im Städtebau, um richtige und falsche Entscheidungen klar begründen zu können, begleitet die Arbeit des Instituts. Die Vermittlung der Erkenntnis, dass schon in der Datenauswahl der Analyse sowie in den darauf aufbauenden Prognosen und in der Formulierung der Missstände deutlich Bewertungen stecken, war ein wichtiger Beitrag zur Planungsqualität. Die Erweiterung des Blicks auf soziologische, ästhetische und emotionale Aspekte hat die Planungsprozesse dann wesentlich verbessern können.

Stadtumbau, Stadtsanierung war immer, neben dem Neubau, ein wichtiges Thema und dazu Lernmöglichkeit, über die vielfältigen Bindungen der Menschen an ihr Quartier, ihre Häuser, Gärten und Nachbarn und die Chancen, im Dialog zu guten, umsetzbaren Lösungen zu kommen. Aus der „Sanierung zur Gesundung durch Abriss“ wurde über die Jahrzehnte das Programm „Soziale Stadt“, mit dem, wie in der Akupunktur, durch kleine bauliche Verbesserungen Stadtentwicklung durch Aktivierung der Menschen vor Ort betrieben wurde.

Die ganzheitliche Stadtentwicklung, das in den Blick nehmen der ganzen Stadt mit allen Funktionen und Interdependenzen und den regionalen Zusammenhängen war immer ein Anliegen des Instituts und eines der Themen, an denen Frau Krau die Konjunkturen von Themen deutlich macht. Ende der 1960er Jahre sollten mit der Stadtentwicklungsplanung alle städtischen Aktivitäten und Politikfelder über den städtischen Haushalt auf ein konsistentes stadtplanerisches Ziel hin gebündelt werden; eine Prioritätensetzung, die die Politik nicht akzeptierte. In den von Umwälzungen geprägten 1990er Jahren wurde dann die stadtentwicklungsplanerische Gesamtschau in Gesetzen und Förderbedingungen als Vorraussetzung formuliert. Seither haben die Fachleute Bescheidenheit gelernt und die gesamtstädtischen Ziele eher subkutan, auf den verschlungenen Wegen der Bür-gerbeteiligung, der Agenda-Prozesse, über die geforderte Nachhaltigkeit sowie Umwelt- und Naturschutz verfolgt.

Die Betonung der Stadtpersönlichkeit, der Identität und Tradition der Stadt und ihrer Bürger als Grundlage aller Entscheidungen, anfangs oft eher vergessen, gerät mit dem wachsendem Gewicht des Denkmalschutzes und der Bedeutung der Bürgerbeteiligung zunehmend in den Fokus. Sehr interessant ist für uns heute die Aufbereitung der Diskussion über die Stadtgestalt und die damit verbundene Sehnsucht nach der „heilen, schönen, alten“ Stadt und die sie mutmaßlich konstituierende Stadtgesellschaft, wie sie Frau Krau von den 1960er Jahren bis heute vorstellt.

Und immer wieder – vom Anfang bis zum Ende – geht es um die Leitbilder, die in Schlagworte wie „gegliederte und aufgelockerte Stadt“ oder „Urbanität durch Dichte“ geronnen sind, dabei aber doch eher um die Ziele, die mit der Stadtplanung verfolgt werden. Die Autorin arbeitet überzeugend heraus, wie die Schwerpunkte der Aufmerksamkeit sich verlagern und verändern. Heute sind die Innenstädte zum allbestimmenden Thema geworden. Sehr zu Recht merkt sie an, dass wir uns die Vernachlässigung des Stadtrandes heute nicht mehr leisten können, hier planerische Aufmerksamkeit nötig sei und dabei erhebliche Potenziale in der Verknüpfung mit der Region gewonnen werden können.

Von den gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen über die Stadt als gemeinschaftliches Produkt der Stadtbürger bis zum Agieren von Bürgerinitiativen und Investoren haben die Themen der Fortbildung auf die Herausforderungen reagiert – in vielerlei Hinsicht hinterfragend und kritisch. Ganz im Sinne des Institutsauftrags, „Aus- und Fortbildung zu betreiben und damit praktische und wissenschaftliche Arbeit anzuregen“, ist die vorliegende Arbeit eine umfassende Anregung, sich den aufgeworfenen Fragen auf beiden Ebenen zu stellen.

Dafür gebührt Prof. Krau unser aller größter Dank!                                                                                       

München im Februar 2010

Zum Inhalt:
TEIL 1: 1960 bis 1990 – Städtebau auf fest gefügtem Fundament
Die Phase der Institutsgründung 1960 bis 1962 Die Jahre 1962 bis 1966
- Wertvorstellungen - das neue Bundesbaugesetz und erste Kritik - die Form der Stadt - die Leitbilddebatte
Von der Stadtgesundung zur Stadterneuerung 1960 bis ca. 1970
- Ansätze zu Bürgerbeteiligung und Information der Öffentlichkeit - Ratio, Wissenschaft, Planung und Entwurf
Die 1970er und 1980er Jahre
- Stadtentwicklungsplanung und rationales Handeln - Bürgerbeteiligung - das Städtebauförderungsgesetz
Erhaltende Erneuerung 1975–1985
- Erhaltende Erneuerung als Grundsatzfrage - erhaltende Erneuerung und Gesetzgebung - die Baunutzungsverordnung und die Diskussion um Gemengelagen
Stadtgestaltung von 1970 bis zum Ende der 1980er Jahre
- Bedeutungswandel der Begriffe - das Vorrücken der Denkmalpflege im Städtebau

TEIL 2: 1990 bis heute – Städtebau als Umbau mit offenem Ziel
Die neue Zeit

Wandel im wirtschaftlichen Selbstverständnis der Kommunen
Planung unter den Voraussetzungen des Abwägens, der Verfahrensbeschleunigung und von Public-Private-Partnership
Integrierte Stadtentwicklungsplanung: neue Suche nach dem Gesamtzusammenhang
Gestalt der Stadt – Städtebau – Gestaltung
- Von neuen Leitbildern zu ihrer Verabschiedung und Wiedergeburt - von der erhaltenden Erneuerung zur Innenentwicklung - neue Darstellungsinstrumente – neue Sichten - Arbeit an der europäischen (Innen)Stadt
Mühen zur Sicherung städtebaulicher Qualität
- Städtebauliche Qualität und schlanke Planung - städtebauliche Qualität und Rechtsprechung - Corporate-Identity – Werte unter kooperativen Bedingungen
Neue Fragen
- Von der Erlebnisorientierung zur Ikone zum Bild - vom Fokus Innenstadt zu regionalen Raumperspektiven - Prozessqualität und Produktqualität Kontinuität durch Transformation - eine Nachbemerkung
Anhang - Vorträge der Abendforen 2008/09
Zitierte Autoren und Referate, Literatur, Bildnachweis 


Buchbesprechung Dr. Romero aus Planerin (2010, Heft 4)
Buchbesprechung Wiegandt aus RuR (2010, Heft 5)

Deutsch | English

Institut
für Städtebau
und Wohnungswesen
der Deutschen Akademie
für Städtebau und
Landesplanung (DASL)

Steinheilstraße 1
80333 München
Telefon: (089) 54 27 06-0
Fax: (089) 54 27 06-23
E-mail: office(at)isw.de
Internet: www.isw.de